Weinerlei
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Herz-Haft
Weinberg der Zukunft, der biologische Joint venture , von Felix Woodtli Weinberg der Zukunft, der biologische Joint venture

Delinat will Markführer beim Import von Bioweinen werden und geht deshalb eine enge Zusammenarbeit mit der Bataillard-Gruppe unter dem Titel Weinberg der Zukunft ein. Delinat importierte zusammen mit der Weinhandlung Küferweg, die Delinat 2011 übernahm, im Jahr 2016 1‘008‘957 Liter Wein. Bataillard ist hinter Coop und Denner die Nummer 3 (7'668'396 Liter Wein) im Schweizer Markt vor Garnier, Lidl und Aldi. Zur Bataillard-Gruppe gehören auch Steinfels und das Wyhuus Belp.  Bataillard verfügt als einzige Kellerei über eine Spinning Cone Columne, die es ermöglicht Weine zu fragmentieren und zu trinkbaren „Juwelen“ zu machen. Bataillard-Weine waren lange Zeit sehr erfolgreich weil sie auf den gut erforschten Konsumenten-Geschmack zugeschliffen sind und über schöne Etiketten verfügen. Im Detail- und Getränkehandel sind sie weit verbreitet. Beide Unternehmens-Gruppen erlitten in der Vergangenheit starke Einbussen und suchen nun die Offensive mit dem Projekt Weinberg der Zukunft. Was soll dieses Zusammengehen unter dem Titel Weinberg der Zukunft?

Stefan Keller, CEO von Bataillard, sieht im Biobereich ein interessantes Marktsegment das stark wachsen wird. Ein paar Kleinwinzer sollen für das Image sorgen, die Kohle verdient man mit Weinen von Gross-Betrieben oder mit industriellen Billig-Bio-Weinen. Bataillard liefert das Knowhow und die Technik um diese auch Vorort in der Schweiz abzufüllen und etwas aufzupeppen. Bei bis unter 20 Cent Einkaufspreis pro Liter in Spanien ein lukratives Geschäftsmodel. Dabei geht’s wohl kaum um die Förderung von Bio-Spitzenweinen sondern um die Belieferung der Bataillard-Kunden (Detail- und Getränkehandel sowie Gastronomie) mit Bio-Weinen. Man hofft Coop, Lidl und Aldi die Stirne bieten zu können. Ähnlich wie Coop suggeriert das Projekt Qualität, Nachhaltigkeit und Fairness und blendet die Kehrseite der Medaille aus. Vorgeführt und zelebriert werden einige selektionierte Spitzenwinzer. Ihre Rolle dient liegt darin das Ganze als super Sache zu legitimieren. Bei 12 Mio Flaschen die beide zusammen 2016 importierten, dienen diese Vorzeige-Betriebe höchstens als Spotlights. Kleine Schummelgeschichten voller Nichtgesagtem, Märchen von intimen, familiären Strukturen und Schönrederei punkto Qualität wie sie seit Jahren in wunderprächtigen Prospekten verbreitet werden, sorgen sicher für das schnelle, anhaltende Einlullen der Kunden. Tönt gut, ergo ist alles gut, sehr gut sogar Bestens.

Ich denke sowohl für die Gastronomie, alle Wiederverkäufer und den gewerblichen Weinhandel ist dies eine mörderische Entwicklung deren Ziel einzig die Konzentration einiger grosser Player zum Ziel hat. Ich rate: Sinnieren über Strukturen die den eigenen Wünschen und Träumen gerecht werden. Investieren in unabhängige und handwerklich arbeitende Bio-Winzer kann sich lohnen – so erhalten wir echte Vielfalt, mit den Big-Players mit marschieren lohnt sich selten! Money makes the world go trump oder industrie-biologisch geht die Wein-Kultur zugrunde! 

Schwefel im Biowein , von Felix Woodtli Schwefel im Biowein

Etliche Bioweine sind heute frei von zugefügten Sulfiten. Trotzdem sieht das Weingesetzt vor, dass auf der Flasche "enthält Sulfite" stehen muss. Sulfite befinden sich im Wein auch auf natürliche Art und Weise, durch natürliche Ablagerungen und Einschlüsse in den Trauben selbst oder entstehen als Abfallprodukte bei der Gärung. Neu darf ab 2016 auf der Flasche stehen „enthält keine zugefügten Sulfite“. Die juristische Lesart dieses Vermerks muss man wie einen Gesetzestext oder eine Baubewilligung lesen, es steht nicht „enthält keine Sulfite“. Ergo: Wein kann immer Sulfite noch enthalten. 

Schwefel und andere Sulfite gelangen über die Luft in die Natur. Autoabgase, Heizungen und offene Feuer sind die offensichtlichsten Quellen. Im Biolandbau gilt Schwefel als anerkanntes Spritzmittel gegen Pilzbefall, als Spurenelement ist es in der Folge Bestandteil auf der Traube. Im Keller wird immer wieder geschwefelt. Beispielsweise beim Anliefern und Einmaischen der (zu wenig reifen) Trauben oder Trauben mit Wespen- oder Fliegenverbiss. Auch gegen Essig- und E-Kolibakterien (vom Hundekot der Spaziergängerr) sowie durch unsauberes Arbeiten entstandene Fehlgärungen, kann eine Schwefelung der Maische von Nöten machen. Dasselbe geschieht dann bei der Abfüllung.  Ohne Schwefel im Keller kann nur arbeiten wer Spitzentraubengut keltert, dies von Hand sortiert und sehr sauber arbeitet.

Oft wird Schwefel vielleicht zu sehr verteufelt, noch immer wird es aber auch als Heilmittel angeboten. In Zurzach kann man im schwefligen Wasser baden – auch Vichy-Wasser gilt als gesund. Heute und nach über 30 Jahren Berufserfahrung muss ich aber feststellen, dass meist andere Ursachen für Allergien und Beschwerden sorgen. Sulfite sind leicht nachweisbar und können deshalb einfach als Sündenböcke dienen, zumal der Teufel ja seit tausenden von Jahren mit dem Schwefelgeschmack in Verbindung gebracht wird. 

Heute keltern immer mehr engagierte Winzer nach bio-dynamischen Ideen. Im Gegensatz zu reinen Naturwein-Produzenten die meist Nichts zur Weinwerdung unternehmen und die Prozesse spontan der Natur überlassen, intervenieren die besten Bio-Winzer immer. Sie beobachten die Natur und helfen der Rebe mit kleinsten Massnahmen Widrigkeiten zu überleben. Die Dynamisierung von eigenen Düngern, das Anwenden von selbstgemachten Tees als Schädlings- bekämpfungsmittel, aber vor allem die Unterstützung der Biodiversität sind das entscheidende Plus um der Rebe optimale Rahmenbedingungen zu liefern. Das Meiden von zuviel Monokultur hilft bei der natürlichen Eindämmung von Krankheiten und Schädlingen.

Spitzenwinzer unterscheiden sich vom Rest auch dadurch, dass ihre Weine echte Mehrwerte sind. Der Arbeitseinsatz lohnt sich meist auch oekonomisch wenn der Wein perfekt ist und deshalb auch etwas teurer verkauft werden kann. Sinn macht das Ganze wirklich nur wenn die erzeugten Produkte auch besser und ohne Fehler sind. Sie sollen keine Allergien auslösen und mehr Spass bereiten als konventionelle Weine, nicht weil sie en vogue sind – sondern weil sie wirklich besser schmecken.    

Weinreise ins Südtirol , von Pascal Perren Weinreise ins Südtirol

Mit einer kleinen Gruppe aus Weinerlei der Klub gingen wir Ende Juli auf die Suche nach guten Tropfen ins Südtirol. Unser Hotel durften wir in der Nähe des legendären Kalterersees beziehen. Dieser Name steht nicht nur für einen unglaublich warmen Badesee sondern auch für den wohl berühmtesten Weinexport aus dem Südtirol. Dieser Wein, hauptsächlich aus Vernatsch-Trauben gekeltert, sollte aber nur einer von diversen schönen Entdeckungen sein.

Wir stellten rasch fest, auch im Südtirol wird die Qualität gefördert und in die Zukunft investiert. Biologische Weine sind etabliert und der Austausch mit dem Wissen anderer Weinregionen in Europa findet statt. Findige Winzer haben sogar veranlasst eine Klassifizierung der besten Lagen analog der Crus in Frankreich vorzunehmen. Wohl haben wir auch kritische Stimmen gehört (Winzer, ja!), welche die Konkurrenz der neuen Weinregionen wie China oder Osteuropa heranwachsen sehen und das Südtiroler Preis-Leistungs-Verhältnis in Angesicht der zukünftigen Weinflut bedroht sehen. Jedoch lassen unsere Eindrücke auf eine gute Zukunft des Südtiroler Weins schliessen. Meiner Meinung nach wird der internationale Druck, wenn überhaupt, eher die grossen, weltweit exportierenden Weingüter vor gewisse Herausforderungen stellen. Ich denke dabei beispielsweise an Alois Lageder oder Franz Haas welche beide aber eine eigenständige Philosophie vertreten und richtig gute Weine im Angebot haben. Soweit sie den Preisbogen nicht überspannen und die Qualität halten können, gibt es keinen Grund schwarz zu malen.

Meine persönlichen Favoriten waren zum einen der Tröpfltalhof, seit einigen Jahren Demeter-Zertifiziert, zum anderen der Ansitz Waldgries. Ersteres wird von einem passionierten Kletterer, Andreas Dichristin, geführt. Ein roter und ein weisser Amphorenwein sind die Aushängeschilder des Hofs. Daneben gibt es weitere interessante Weine in kleinen Mengen. So wurde 2015 zum ersten Mal ein reinsortiger Viognier gekeltert. Sehr gelungen!

Der Ansitz Waldgries liegt im klassischen St.Magdalener Gebiet und ist ein ehemaliges Klosterweingut. Christian Plattner erzeugt dort ungewöhnlich dichte Vernatsch- und Lagrein-Weine. Der grösste der vier Lagrein-Weine, der Roblinus, gehört zum Besten im Südtirol. Jedoch können auch die einfacheren Weine empfohlen werden, insbesondere den Jahrgangs-Lagrein mit einem unschlagbaren Preis-Leistungs-Verhältnis. 

Wir besuchten mit dem grossen Traditionsweingut J. Hofstätter, dem kleinen Familienweingut Thurnhof und dem Vinschgauer Weingut Unterortel noch drei weitere Weingüter, die uns mit durchwegs guten bis sehr guten und charaktervollen Weinen überzeugt haben. 

Hier noch einige tolle Restaurants zwischen Bozen und Magreid: www.gretlamsee.com / www.loewengrube.it / www.aloislageder.eu/paradeis / www.siegis.it

Der Geschmack der Freiheit , von Michel Gygax Der Geschmack der Freiheit

Essay von unserem Gastautor Rudolf Trossen, biodynamischer Mosel-Winzer der ersten Stunde:

In letzter Zeit bringen neue Begriffe einiges an Verwirrung, in die an Kompliziertheiten schon reiche Weinwelt: An Bio-Wein hat man sich gewöhnt, weiß, dass damit Weine gemeint sind, die nach EU Bio-Richtlinien erzeugt und verarbeitet sind. Aber nun redet man viel von Spontangärung, Orange-Wein, Amphoren-Wein und Natur-Wein. Alle diese Begriffe werden von fachlich nicht immer ganz sattelfesten Autoren munter durcheinander gewirbelt.

Am Anfang der Weinkultur, deren Beginn man etwa 6 000 Jahre vor Chr. oder gar noch früher, in den einst waldreichen Gebieten zwischen Ararat, Georgien und dem Hindukusch vermutet, wurde der Wein nur aus Trauben bereitet. Dass später in Griechenland und Rom, ja bis in die Neuzeit hinein der Wein mit allerlei Zutaten, wie Kräutern und Gewürzen, Wasser, Honig, Harz, Asche, ja sogar Blei vermischt wurde, wissen wir aus antiken Quellen. Wir trinken ja heute noch gern Glühwein, Punsch und Bowle.

Die ersten Weinbauern haben, vermutlich angeleitet von weisen Männern und Frauen aus geistigem Umfeld, die Wildform der Rebe, die lianenartige Waldrandbewohnerin Vitis silvestris, nach und nach kultiviert, veredelt und deren Früchte überhaupt erst groß, süß und schmackhaft gemacht. Die Rebe ist eine der ältesten Kulturpflanzen und möglicherweise zeitgleich oder gar früher mit den Getreidearten Einkorn und Emmer mit ähnlichen Kulturtechniken aus vorgefundenen Wildformen gezüchtet worden. Somit stehen Brot und Wein real und symbolhaft für die neolithische Revolution, den Fortschritt von Natur zur Kultur und kennzeichnen somit den Beginn der modernen kulturellen Menschheitsentwicklung. 

Die reifen, saftstrotzenden Beeren wurden einst mit den Füßen zerquetscht und mit Schalen und Stielen in ein in den Erdboden eingelassenes Tongefäß gefüllt und verblieben dort bei langsamer Gärung mehrere Monate. Der beispielsweise für religiöse Feste zu Ehren des Wein- und Vegetationsgotts Dionysos herausgeschöpfte Wein war durch den langen Kontakt mit den Schalen, Stielen und ihren Säuren ganz orange geworden und dadurch vor zu früher Oxydation geschützt, stabil und langlebig.

Der ursprüngliche Wein war also ein Bio-Wein, weil ohne naturfremde Stoffe erzeugt, er war ein Orange-Wein, weil mit den Schalen vergoren, somit spontan-vergoren, weil ohne zugesetze Hefen und war ein Naturwein, also ohne Beimischungen und Behandlungen aller Art wie Schönung oder Schwefelung.

Heute ist die urtümliche Weinbereitung in verschiedene Traditionen und Varianten übermittelt, mehrheitlich noch handwerklich geprägt, aber auch zunehmend technisch standardisiert und industrialisiert. Meist begleitet von diversen Zutaten und Eingriffen im Rahmen bestehender Gesetze. Es gibt eine Vielzahl die natürliche Weinwerdung korrigierender und lenkender Maßnahmen, wie die vom Zucker- oder Saftkonzentrat-Zusatz zur Alkoholerhöhung oder Zusätzen zur Säureminderung oder Erhöhung, der Verwendung von Enzymen, Zuchthefen und verschiedenen Schönungs- und Konservierungsmitteln, bis hin zur sterilen Filtration, um auch Weine mit natürlicher Süße haltbar machen zu können. Darüber wird nicht gerne geredet, weil der Mythos des Reinen und des Natürlichen den Wein umschwebt, ähnlich dem Reinheitsgebot beim Bier und die Weinindustrie das gerne auch so belassen möchte.

Die Liste der erlaubten Maßnahmen und Zusätze ist erstaunlich lang, für Laien schwer verständlich und nicht immer leicht auffindbar. Viele Konsumenten wollen das aber auch gar nicht so genau wissen, andere sehr wohl. Es ist ohne Zweifel richtig, dass es Möglichkeiten der Korrektur geben muß, weil die natürlichen Rahmenbedingung nicht immer so günstig sind, dass eine Weinwerdung quasi von selber sauber und störungsfrei gelingt und das Terroir zum Klingen bringen kann. Das Problem liegt einerseits im richtigen Maß: Was, wann und wie viel an Korrektur ist nötig, ohne dass der Wein gestresst, überformt und gesichtslos wird und andererseits, in nicht immer ausreichender Transparenz, ob dieser Eingriffe, dem fragenden Genießer gegenüber. 

In Vino Veritas? Bei den Weinen aus sogenannt ökologischer Erzeugung gibt es seit ein paar Jahren auch EU-Richtlinien für die Kellerwirtschaft. Die Zahl der Maßnahmen und Zusätze ist gegenüber dem normalen Weinbau reduziert. Die Verbände wie Ecovin, Bioland oder Demeter haben noch engere Richtlinien. Aber selten ist Biowein natural, also ganz ohne Zusätze, oder orange, also mit Schalenkontakt vergoren. Nicht jeder Orange-Wein, stammt aus ökologischer Erzeugung und ist ohne Zusätze. Man findet Weine auf dem Markt, die mehr oder weniger konventionell angebaut wurden, also mit Verwendung von synthetischen, salzhaltigen Stickstoffdüngern und einer Vielzahl Agrar-Chemikalien inklusive Herbiziden und mit Hilfe von Zuchthefen auf den Schalen vergoren wurden, also von Farbe und Charakter her Orange-Weine sind. Oft werden diese Weine, wenn auch in kleinen Dosen, geschwefelt, kommen aber wegen der orangenen Farbe und dem charakteristischen Gerbsäuregehalt mit dem Nimbus des Natürlichen daher.  All das macht die Sache einigermaßen unübersichtlich. Zusätzlich erschwert der Gesetzgeber die Lage, weil er verlangt, dass auch Weine, denen keinerlei Sulfite zugesetzt wurden, trotzdem den Zusatz „enthält Sulfite“ auf dem Etikett tragen müssen, wenn sie von Natur aus mehr als 10 mg/l Gesamt-Schwefel  enthalten. Dass dieser Schwefel nicht vom Winzer zugefügt wurde und auch keinerlei stabilisierende oder geschmackliche Wirkung hat, interessiert den Gesetzgeber bis dato nicht. Den einen oder anderen Weinfreund aber sehr wohl. Hier wäre mehr Transparenz zur Orientierung der Verbraucher wünschenswert. Wir Bio-Winzer hätten nichts dagegen, wenn auf jedem Etikett aufgelistet wäre, was dem Wein zugesetzt wurde und welche Verfahren er durchlaufen hat. In Vino Veritas!

Da in weiten Teilen der Weinwelt häufig mit denselben Methoden und Maschinen an- und ausgebaut wird, ähnliche Hefen geschmacksbildend zum Einsatz kommen, wenden sich in letzter Zeit vermehrt, vor allem jüngere Sommeliers und Weinfreunde gelangweilt von einer gewissermaßen globalisierten Wein-Stilistik ab, die standardisierte, feingeschliffene und polierte Weine präsentieren, die die Geschichte ihres Ursprungs kaum erzählen können. Natürlich haben diese Weine für den schnellen Massenkonsum ihre Berechtigung auf dem Weinmarkt, aber besagte Weinenthusiasten wollen Weine mit mehr Charakter und Individualität, und machen sich auf die Suche nach dem Unverwechselbaren, dem Authentischen, dem tatsächlich von der Örtlichkeit, dem Terroir und der Winzerpersönlichkeit geprägten Geschmack. Offensichtlich finden sie das, was sie suchen, eher bei handwerklich und biologisch arbeitenden Weingütern.

In Georgien ist die Tradition der Maischegärung in Amphoren ja nie ganz abgerissen und auch in Europa haben sich zuerst in Frankreich, im Friaul, Slowenien, dann in Österreich und nun auch in Deutschland, einzelne Winzer wieder verstärkt den uralten Weinerzeugungs- traditionen zugewandt. Es herrscht eine gewisse Vielfalt an traditionellen Wein-Stilen und Methoden. Einig sind die Winzer aber in einer ausgeprägten Zurückhaltung gegenüber vielen heute standartmäßig vorgenommen Eingriffen und Zusätzen. In Frankreich gibt es seit einigen Jahren bei der Assocation Vins Naturell verbindliche Regelungen, was unter natürlichem Wein zu verstehen ist. Der Anbau im Weinberg ist immer biologisch oder biodynamisch. Alle Trauben sind handgelesen, vergären spontan ohne Reinzuchthefe,  es wurden keine Schönungsmittel zugesetzt, und wenn überhaupt, dann nur einen Hauch von Schwefel beim Abfüllen. Die Veranstaltungen, die sich dem Thema widmen nehmen sprunghaft zu. Mehr als 60 Salons dieser Art gab es 2015 alleine in Frankreich. Der Erfolg ruft natürlich Kritiker auf den Plan. Einige Blogger reagieren geradezu mit Abscheu auf unbehandelte Weine, bejammern den Untergand des Abendlandes und das Ende aller Weinkultur. Tatsache ist sicher, dass nicht alle Winzer auf Anhieb das Prinzip der losen Lenkung meisterlich handhaben können und es gelegentlich, gerade bei Quereinsteigern auch Weine gibt, die man ruhig als misslungen bezeichnen kann. Muss man nicht trinken. Es gibt auch viel Langeweile in Flaschen auf Winzerfesten und in Supermärkten. Aber die Natur-Wein-Bewegung als Mode gelangweilter Stadtneurotiker zu bezeichnen geht völlig an der Sache vorbei und zeugt nur von beschränktem Horizont, viel Ignoranz und wenig Sachkunde. Der Wein-Purismus, das Beschränken auf das Wesentliche, wird bleiben. In der Küche ebenso wie im Keller. 

Wein ist das Getränk der Freiheit. Ein anregendes und inspirierendes Genussmittel, das in erster Linie Freude in die Herzen der Menschen bringen soll. Es soll zu gemeinsamem Genuss einladen, zu Gespräch und Begegnung bewegen und keine neuen Gräben zwischen Menschen aufreißen. Dionysos, Gott des Weines, hat seine Gabe nicht in die Welt gebracht, um die Menschen zu bevormunden und neue Verbote und Dogmen in die Welt zu bringen, sondern um die persönliche Freiheit des Menschen durch die Steigerung der individuellen Erlebnismöglichkeiten, durch Tanz, Theater, Rausch und Ektase überhaupt erst möglich zu machen. Das war in alter Zeit, als die Menschen durch Blut und Boden, Sippe und Familie, Traditionen und Verbote arg eingeschränkt waren, ein sehr fortschrittlicher, revolutionärer Akt der Anarchie. Wer immer heute noch dem Wahn verfallen ist, sich berufen fühlt, erwachsenen Menschen Vorschriften bezüglich ihres Lebenswandels oder Genussvorlieben machen zu müssen, ist dagegen aus der Zeit gefallen, ein lebendes Fossil, ein Anachronismus. Er hat einfach noch nicht genug guten Wein gekostet, um weise zu sein und zu wissen, wie die Freiheit schmeckt: In Vino Libertas! 

www.trossenwein.de

Pimp my wine! , von Felix Woodtli Pimp my wine!

Was haben die grössten Schinken, VW, die besten Radfahrer die taffsten Jupies und die schönsten Model-Stars mit den höchstbenoteten Weinen gemeinsam? Du ahnst es? Alle sind ein wenig aufgemotzt, sei es mit Wasser, Abgastest-Software, Elektromotörchen oder Epo, Koks, Botox oder Silikon, Eichenschnipsel oder E414.

E414 ist eines der vielen Dopings das Winzer und Önologen hilft ihren Wein aufzumotzen. E414 tönt gefährlich, chemisch. Hinter den E-Nummern verbirgt sich aber nur die EU-Normen-Liste für bewilligte Hilfsstoffe im Lebensmittelsektor. E414 wird aus dem Harz von Akazien gewonnen. Es handelt sich um Gummi arabicum. Gummi arabicum gilt als nicht gesundheitsschädlich und darf auch in biologischen Lebensmittel verwendet werden. Es ist ein sogenanntes Polysaccharid, das zum Stamm der Heteropolysacharide gehört und ist neutral bis schwach sauer und wasserlöslich. Bereits die alten Ägypter mumifizierten damit ihre toten Pharaonen auch Lenin stinkt in seinem Mausoleum unter Gummi arabicum vor sich hin. Für was soll Gummi arabicum im Wein nützlich sein? Die zähflüssige Substanz die auch in weisser Pulverform daherkommt verwendet die Lebensmittelindustrie als Aromastabilisator. Im Bier stabilisiert es den Bierschaum, verhindert die Kristallisierung des Zuckers in Gummizeltli und bindet die Farbstoffe. Gummi arabicum stabilisiert also so ziemlich alles. Im Wein sorgt E414 für Geschmeidigkeit und mollige Fülle. Die herben bis leicht bitteren Tannine verlieren ihren adstringierenden Charakter. Sie werden weicher und fetter wahrgenommen. Der Zusatzstoff stabilisiert die Farbe, hilft bei der Stabilisierung von Weinstein und Metallkomplexen und sorgt dafür, dass Wein mit hohen Alkoholprozenten nicht ganz so alkoholisch schmeckt. Außerdem ist er dafür bekannt, das Mundgefühl zu "verbessern". Der Wein wird vollmundig, rund, die Gerbstoffe sanft und harmonisiert. Das ist vielleicht die wichtigste Eigenschaft, denn Gummi arabicum hat unser aller Weingeschmack verändert.

Kritiker sagen, Gummi arabicum mache Wein zu Coca Cola. Mit E414 aufgemotzte Weine bekommen durch die „Wein-Tester“ mehr Aufmerksamkeit, höhere Punkte. Der brancheninterne Übernahme lautete früher auch „Pamela-Wines“, in Anlehnung an die blonde Gummipuppe aus der Baywatch-Serie. Der Markt schreit nach muskulösen, molligen, süssen und jungen Weinen. Die Lagerung interessiert kaum jemand, die Welt der Parfüme die in alten Weinen natürlicherweise entstehen ist eh nur bla, bla, bla. Wir wollen Leben und geniessen, jetzt und das aus dem Vollen. Gummi arabicum ist nicht nur in Industrie-Weinen sondern auch in etlichen der teuersten, höchstbewerteten Weinen der Welt enthalten. Auch Biowinzer nutzen das legale Pimpen mehr und mehr.

Die Problematik von E414: bei einigen Menschen kann es vermutlich gröbere Allergien auslösen. Die versüssten, fetten und doppelt so langen Tanninketten werden durch unsere Rezeptoren nicht als solche erkannt, dem Gehirn wird vorallem Süsse übermittelt, unsere Verdauung ist irritiert und funktioniert suboptimal, als „Tannin-Intoleranz“ bekannt sorgt sie bei empfindlichen Menschen dann für ungewünschte Nebenwirkungen von Hautrötung, Hitze, Trockenheit bis Atemnot.  Fazit: Stopp mit Wein trinken. Als direkte Nebenwirkung verlieren auch die Winzer ihre Kunden. Runde, vollmundige Weine kann man absolut ohne Gummi arabicum herstellen. Dazu braucht es Ethik, Geduld und gesunde, phenolisch reife Trauben. Die herbe Härte des jungen Weines die eine Garantie für harmonischen Altern andeutet wird durch den Einsatz von E414 zerstört. Superweine werden nach kurzer Zeit zur Plörre. Für biodynamische Weine mit Demeter-Zertifizierung ist Gummi arabicum ein absolutes Tabu.

Zum Glück entscheiden sich auch immer mehr kleine Winzer ebenfalls den Weg naturnahe, ungeschönte Weine zu keltern. Eine konsequente Absage an die Methoden der Lebensmittel-Technologie ist auch die einzige Chance die ihnen ein Überleben in einem immer härteren Marktumfeld einigermassen garantieren kann. Noch sind es nur wenige Konsumenten denen Ethik im Wein wichtig ist, es werden aber laufend mehr. 

Der Weinmarkt , von Michel Gygax Der Weinmarkt

Thomas Studach ist ein humorvoller, bescheidener und sehr angenehmer Zeitgenosse. Er macht grossartige Weine in Malans. Wir probierten den 2011er und den 2012er. Ohne Frage, beides  wunderbare Pinot Noirs. Elegant, frisch, duftig und gut strukturiert.

Leider produziert er von seinen 3 ha nur ganz wenige Flaschen und ist immer ausverkauft. Seine Weine sind derart begehrt, dass man sie ab Hof gar nicht kaufen kann, wenn man sich nicht lange zuvor in eine Liste eingetragen hat. Thomas Studach verteilt Flaschen nur an seinen Abholtagen. Dann sind sie weg.

Dafür werden die Flaschen-Preise jährlich etwas teurer. Das gibt mir irgendwie zu denken...

Ab welchem Preisniveau entfernen sich die Marktmechanismen vom Qualitätslevel des Weines?  Ab wann bezahlt man einen Aufpreis für den Namen des Weines? Sind Gantenbein und Studach wirklich soviel besser als Lampert oder Clavadetscher?

Der Alltagswein - eine Weinkolumne , von Pascal Sennhauser Der Alltagswein - eine Weinkolumne

Der Pinot Noir der Familie Hansruedi Adank aus Fläsch im Bündnerland räumt (m)ein altes Hemmnis beiseite - dasjenige nämlich, an welchem ich immer leide, wenn es darum geht, zu einem gepflegten Teller Pasta samt hausgemachter Sauce an einem Mittwochabend den richtigen, sprich angemessenen Wein zu finden. 

Die Ausgangslage scheint auf den ersten Blick klar: In einer solchen Situation pflege ich mir einen nicht zu komplexen, aber dennoch einigermassen gehaltvollen Rotwein mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis zu wünschen.

Hier taucht das erste Problem auf: Steige ich in meinen Weinkeller hinunter, stelle ich fest, dass ich kaum solche Weine besitze. Dort liegen hauptsächlich Flaschen mit Lagerpotenzial. Und einen noch viel zu jungen Chambolles Mussigny, Sociando Mallet, Mas Martinet oder Château Musar will man an einem profanen Mittwochabend ja nicht köpfen. "Kindsmord" - entschuldigung für die Formulierung, aber die Weinsprache beschreibt ein solches Vorgehen mit diesem Begriff - kommt also nicht in Frage. Kommt dazu, dass einige der Trouvaillen in meinem Untergeschoss für ganz spezielle Anlässe reserviert sind (z.B. für die Meisterfeier von YB irgendwann in den kommenden 55 Jahren).  

Nun hätte ich ja genug Gelegenheiten - hier erfassen wir Problem Nummer zwei -, mir solche Weine wie oben beschreiben zu besorgen. Ich bin nicht selten Gast bei Degustationen - an Weinmessen, auf Weinreisen oder mit Weinerlei dem Klub - und als Mitglied von ebendiesem Weinklub sowieso regelmässig von gegorenem Traubensaft umgeben. Aber so sehr ich mir immer wieder vornehme, einmal einen Kaufabschluss ausschliesslich oder wenigstens hauptsächlich mit qualitativ hohen Weinen im tiefen bis mittleren Preissegement anzustreben, so gewiss ist es, dass sich in meinen Chörbli am Ende doch wieder nur Flaschen mit zwar höchster inhaltlicher Qualität, aber eben auch entsprechendem Preis befinden. Ich bleibe immer an den Spitzenweinen hängen. Weil sie halt am meisten Freude breiten - in 20 Jahren... Bin ich einfach zu verwöhnt? Zu anspruchsvoll? Sollte ich einmal eine Degustation besuchen, an welcher nur önologische Endprodukte bis 25 Franken feilgeboten werden? Gibt es solche Anlässe überhaupt? 

Item. Resignierend wollte ich diese Gedanken eigentlich schon aus meinen Kopf verbannen und künftig halt doch nur noch Spitzenweine trinken - bei jeder Gelegenheit, auch zu so etwas Banalem wie einer Pasta am Mittwochabend. Viele meiner (Wein-)Freunde raten mir das sogar an; für sie ist eine solche Praxis selbstverständlich. Aber seit ich im Besitz von Adanks eingangs erwähntem Pinot Noir aus der Bündner Herrschaft bin, hat sich dieses Dilemma wie in Luft aufgelöst. Was bin ich erleichtert!

Adanks Blauburgunder fehlt es an nichts, was einen vorzüglichen Pinot Noir ausmacht. Er ist von relativ kräftiger Struktur und bringt die typischen fruchtbetonten Beerenaromen - die dezente Himbeere ist eine Offenbarung - schön und harmonisch zur Geltung. Er liegt samtweich im Gaumen und hält mit seinem würzigen Abgang bis zum Schluss, was er in der Nase verspricht. Mit einem Preis von 17 Franken (75 cl) beweist er ausserdem sein kaum schlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis.

Und was trinken Sie nächsten Mittwoch zum Abendessen?   

www.adank-weine.ch

Amarone & Co. , von Michel Gygax Amarone & Co.

Die wunderschönen Weingebiete Valpolicella und das benachbarte Soave haben viel mehr zu bieten als Indutstrie-Amarone und billige weisse Soave-Plörre, die wir aus den Grossverteilern kennen. Wir haben während unserer kurzen Weinerlei-der-Klub-Weinreise einige grossartige Kreszezen aus bestem und gesündestem Traubengut getrunken, sympathische und leidenschaftliche WinzerInnen kennengelernt und - wie immer in Italien - fein getafelt.

Viele dieser Winzer arbeiten mittlerweile biodynamisch und haben der Weinindustrie den Rücken gekehrt. Hier einige önlologische und kulinarische Empfehlungen für den nächsten Italientripp:

www.montedallora.it / www.ginivini.com / www.ruffovini.com / www.cadeironchi.it / www.trattoriacaprini.it /   www.trattoriaallaporchetta.it

Nördliches Rhônetal , von Michel Gygax Nördliches Rhônetal

Der erste nicht elitäre Weinklub der Schweiz ging wieder mal auf eine kurze und intensive Weinreise. Wir besuchten während drei Tagen das nördliche Rhônetal südlich von Vienne und Lyon und lernten acht verschiedene Winzerpersönlichkeiten kennen.

Wir degustierten vorwiegend grosse Weine zu grossen Preisen (Côte Rôtie, Cornas, Hermitage), ab und zu auch tolle und weniger bekannte Trouvaillen aus weniger prestigeträchtigen Appelationen (St. Joseph, Vin de Pays des collines rhodaniennes).

Wir wurden überall freundlich, aber selten herzlich empfangen. Die Nachfrage nach Weinen der nördlichen Rhône ist relativ gross, deshalb sind die Winzer oft - insbesondere bei den Spitzenprodukten - ausverkauft. Viele Winzer müssen sich auf dem Markt kaum präsentieren und haben vermutlich aus diesen Gründen keine Homepage. 

www.domainespierregaillard.com / www.domaine-des-amphores.com / www.corpsdeloup.com / www.domainerostaing.com

Mikroproduktion im UNESCO-Weltkulturerbe , von Michel Gygax Mikroproduktion im UNESCO-Weltkulturerbe

Hugo Guimaraes produziert mit seinem Team rund 12'000 Flaschen beste Douro-Weine. Naturnah und nach alter Tradition. So werden alle Weine mit den nackten (aber gewaschenen) Füssen der Erntehelfer sehr sanft während Stunden gepresst.

Weinerlei hat von Hugo den wunderbaren "Força" als Eigenkreation ins Angebot aufgenommen. Ein wertvoller und kraftvoller Wein aus einer der schönsten Fluss- und Kulturlandschaften der Welt. Hergestellt in einer Mikroproduktion von 180 Flaschen. Lagerfähig mindestens noch 10-15 Jahre.

www.pinalta.com